Oderberger 12 Selbsthilfehaus, Selbsthilfehaus Oderberger Str. 12 in 10435 Berlin, künstlerische Gestaltung der Hinterhaus-Fassade
Selbsthilfehaus Oderberger Str. 12 in 10435 Berlin, künstlerische Gestaltung der Hinterhaus-Fassade
Im Zeitraum 1999 bis 2003 setzte mob e.V. im Rahmen des Landesprogramms Wohnungspolitische Selbsthilfe ein Wohnhaus aus der Gründerzeit (Vorderhaus und Quergebäude) unter Mitarbeit von ehemals Wohnungslosen unter fachlicher Anleitung in Eigeninitiative in Stand gesetzt und modernisiert.

Es entstanden dort 18 Wohneinheiten und 2 Gewerbeeinheiten.
Damit war erstmalig in Berlin ein Projekt der Selbsthilfe von obdachlosen und armen Menschen in der Lage, in eigenen Häusern dauerhaft preisgünstigen Wohnraum anzubieten.

Wir verwalten das Haus selbst und haben deshalb einen engen Kontakt zu allen Mieter_innen. In den seltenen Fällen, in denen eine Wohnung frei wird, wird diese bevorzugt an obdachlose oder Personen in schwierigen Wohnverhältnissen oder an Menschen mit Wohnungsberechtigungsscheinen (WBS) vergeben.

Adresse: Oderbergerstr. 12, 10435 Berlin

[Karte]

Frau Marola Lebeck ist die freundliche Besitzerin unseres Erbpachthauses. Wir haben sie nach ihren ganz persönlichen Motiven für das Überlassen des Hauses an mob e.V. gefragt.

strassenfeger: Frau Lebeck, Sie sind die Eigentümerin des Hauses in der Oderbergerstr. 12, das der Verein mob e.V. als Selbsthilfeprojekt betreibt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Marola Lebeck: Anfang 1998 hatte ich mir in der Berliner S-Bahn die neueste Ausgabe des Obdachlosenmagazins LOOSER/strassenfeger gekauft. Der Artikel „Bauen aus Lust & Liebe“ von Gabriele Lermann fand sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Mit Hilfe von Gabriele Lermann erhielt ich telefonischen Kontakt zu Werner Picker, der die Selbsthilfezeitung „Looser gegen Armut und Obdachlosigkeit für die Bundesrepublik Deutschland“ für den Selbsthilfeförderverein „Arbeit und Wohnen e.V.“ in Erbach/Odenwald verantwortlich betreute. Die Selbsthilfezeitung „LOOSER“ hatte gerade eine Spezial-Ausgabe mit dem Thema: Wohnungslos – aber nicht hoffnungslos (Das Bauprogramm mit Obdachlosen) herausgebracht. Dieser äußerst engagierte und sympathische Werner Picker hatte dann für mich den Kontakt zu dem Verein mob e.V. in Berlin hergestellt.

strassenfeger: Was hat sie motiviert, dem Verein das Haus als Erbpacht für 50 Jahre zur Verfügung zu stellen? Und warum gerade diesem Verein?
Nach dem jahrelangen kostenintensiven und nervenaufreibenden Restitutionsverfahren entschloß ich mich spontan für ein soziales Projekt. Weitere Recherchen über die Historie der Oderbergerstraße im Prenzlauer Berg haben mich bestärkt, in diese Richtung zu gehen. Mehreren sozialen Gruppen (Vereine und Verbände) in Berlin hatte ich diese beiden Häuser (Vorder- und Hinterhaus) angeboten und ihnen meine Idee, ein Selbsthilfeprojekt für wohnungslose und arme Menschen weiterzuentwickeln und in die Praxis umzusetzen, dargestellt. Schließlich blieb nur der Verein mob e.V. übrig, der diesem großen Projekt positiv aufgeschlossen war. Und soweit ich informiert bin, ist und war – bis heute – dieses gemeinsame Projekt mit mob e.V. und mir einzigartig in Berlin. Schließlich und endlich hatte dieses doch recht ehrgeizige Projekt mit 24 Wohneinheiten und zwei Gewerbeeinheiten ein Baukostenvolumen von 3,8 Mill. DM.

Der Verein hatte eine Eigenleistung von ca. 670.000 DM zu erbringen. Rechnet man eine Arbeitsstunde mit 15 DM, wurden von den Vereinsmitgliedern fast 50.000 Arbeitsstunden erbracht. Damit hatten mehr als 20 Leute wieder eine sinnvolle und wichtige Arbeit.

strassenfeger: Am Anfang musste ja ziemlich viel gemacht werden, die Idee war, dass wohnungslose Menschen sich selbst einen Wohnraum schaffen und dafür dann kostengünstig wohnen. Aber gleichzeitig gibt es ja viele Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen. Wie haben Sie damals auf diese Idee reagiert?

In der Tat musste in den beiden Häusern aus der Jahrhundertwende ca. 1880 viel gemacht werden! Vor allen Projektbeteiligten standen die berühmten Berge, die im Laufe der weiteren Monate scheinbar auch immer größer wurden. Im Dez. 1998 fand das erste Treffen mit Vorstandsmitgliedern des Vereins mob e.V. in der Oderbergerstraße 12 statt. Bereits im Dezember 1999 wurde der Erbbaurechtsvertrag mit einer Laufzeit von 50 Jahren unterschrieben. Der eigentliche Baubeginn –nach sehr aufwändigen und zeitraubenden Aufräum- und Entkernungsarbeiten – fand im April 2001 statt.

Das Richtfest wurde im Juli 2002 gefeiert, und im Frühjahr 2003 konnten die ersten Selbsthelfer ihre persönlich gestalteten vier Wände beziehen. Dieser Zeitraum von Dezember 1998 bis zum Frühjahr 2003 waren Jahre voller harter und bisweilen zäher Arbeit. „Schon die Vorarbeiten zu dem Projekt haben schon jetzt bis an die Grenzen des Zumutbaren sehr viel Zeit, Kraft und Geld in Anspruch genommen“. (Zitat Dr. Stefan Schneider, der als damals amtierender Vorsitzender der verantwortliche Bauherr war; der als ein fantasievoller und belastbarer Vordenker und Wegweiser diese Jahre im wahrsten Sinn des Wortes Tag und Nacht begleitet hatte.

Ohne ihn und den vielen anderen loyalen Menschen (die Namensnennungen würden hier den Rahmen sprengen), die an diesem Projekt beteiligt waren, wäre dieses Selbsthelferhaus nicht in die Realität umgesetzt worden. Damit ist erstmalig ein Obdachlosenverein Besitzer von eigenen Wohnungen!

Leider hatte sich die Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen recht kurz nach der Genehmigung unseres Antrages auf wohnungsbaupolitische Selbsthilfe zur Instandsetzung und Sanierung von Gebäuden entschlossen, dieses Programm zu beenden!

In Zeiten, in denen die Schere zwischen arm und reich immer stärker wird: Wie denken Sie, können Menschen, die finanziell abgesichert sind, ihre Mitmenschen unterstützen?

Die Frage möchte ich mit zwei Zitaten aus dem „Tagesspiegel“ beantworten. Joachim Gauck sagte zu dem Thema Hartz IV: „Wir stellen uns nicht gern die Frage, ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen.“ Und aus einem Leserbrief von Vera Lengsfeld (Berlin-Pankow): „Tatsächlich ist in unserem Land nicht ARMUT sondern WOHLSTANDSVERWAHRLOSUNG das verdrängte Problem. Der ausufernde Versorgungsstaat, der längst nur noch mit Krediten finanzierbar ist, bedroht die Grundlagen unserer Gesellschaft. In dieser Situation können EIGENVERANTWORTUNG und SEBSTBESTIMMUNG nicht überbetont werden. …Die Bürger sollten mit ihrem FLEISS, ihrer INITIATIVE und ihrem ENGAGEMENT unsere Gesellschaft am Laufen halten“. Und meine ganz persönliche Antwort auf diese Frage ist das gemeinsame Projekt, das Selbsthilfehaus Oderbergerstraße 12!

Frau Lebeck, herzlichen Dank für Ihre Antworten. Eine Vielfalt von Motiven hat hier ein gemeinsames Projekt erschaffen, das allen zugute kommt.