„Mich interessieren Menschen in Räumen“

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Der Fotograf Harald Hauswald: „Querbeet“ zum 60. Geburtstag

Interview: Andreas Düllick

Harald Hauswald, der berühmte „Ostkreuz“-Fotograf feierte am 3. Mai seinen 60. Geburtstag. Passend dazu wurde ein paar Tage später die Ausstellung „Querbeet“ in der Fotogalerie Friedrichshain eröffnet. Dort kann man bekannte und neue, bisher unveröffentlichte Fotos von Hauswald entdecken. Der Schriftsteller Peter Wawerzinek sagt über ihn: „Harald Hauswald kam wie ich als Telegrammzusteller in die Hinterhöfe der Häuser. Er hat die abweisenden Winkel, das unspektakuläre Leben der einfachen Bürger von unten kennengelernt. Er hat die unbekannte Welt abgelichtet und im Tun grafische Sicherheit gewonnen. Die Architektur, die alle seine Bilder auszeichnet. In Berlin hat er mit der Kamera sein Lebensfeeling gefunden. ‚Die vielen kleinen Nebensächlichkeiten, die einem in dieser Stadt zustoßen, sind einfach wunderbar‘. Den intimen Bildern Hauswalds sind sanfte Kühle und Reserviertheit anzumerken. Wer sich unter die Leute mischte, war mitunter ein Verwandlungswesen, ein Chamäleon, das seine Farben wechselte. Hauswald konnte mit der Kamera Eckensteher, Hooligan, Hausbesetzer oder Tangotänzer im schummrigen Saal werden.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Zur Vernissage kamen viele Freunde und Wegbegleiter, aber auch zahlreiche Fans seiner Kunst. Die Galerie platzte förmlich aus allen Nähten. Die Laudatio hielt auf ausdrücklichen Wunsch Hauswalds Marianne Birthler, früherer DDR-Bürgerrechtlerin und ehemalige Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde. Musik gab’s von der „Sogenannten Anarchistischen Musikwirtschaft“. Andreas Düllick traf Hauswald kurz vor der Ausstellung.

sf: Tja Harald, 60…

H. H.: Das musste irgendwann mal kommen…

Zeit für Resümee oder schaust Du lieber nach vorn?

Resümee, nee, ich schaue nach vorn. Ich habe im vergangenen Jahr mit 59 Jahren zum ersten Mal geheiratet. Wir haben uns nichts schenken lassen, nur Geld, weil meine Frau Gudrun davon träumt, ein Mal Lemuren zu sehen. Und deshalb wollen wir nach Madagaskar. Vorher machen wir auch noch einen Tauchkurs, und dann geht es los!

Was hast Du am 3. Mai 2014 fotografiert?

Nein, gar nichts! Ich war mit Freunden mit einem Kutter auf der Ostsee. Früh um sieben sind wir raus. Ich hatte auch nur eine kleine Kamera dabei. Es gab aber auch keine Motive, nichts. Wir haben auch keinen, einzigen Dorsch gefangen an diesem Tag. Dafür dann am nächsten. Aber es treibt mich auch nicht mehr so um, wenn ich was sehr Schönes sehe, dann fotografiere ich es schon. Aber generell ist das weniger geworden und ich kümmere mich zurzeit mehr um mein Archiv.

Du hängst gerade Deine Fotos in der Galerie auf – was hast Du ausgesucht und warum?

Ich habe das in drei Teile geteilt: Im ersten Raum hängen nur Fotos aus dem Ausland und aus den letzten Jahren. Im zweiten Raum gibt es Fotos, die aus meinem Archiv ausgebuddelt habe und die größtenteils noch nie öffentlich zu sehen waren. Und im dritten Raum findet man die bekannten Bilder. Darauf wollte die Galerie nicht verzichten.

„Querbeet“ – dein Ausstellungstitel…

Ja, Querbeet, damit die Leute sehen, dass es auch noch andere Sachen von mir gibt, als die altbekannten.

Gibt es ein Foto, an dem Du besonders hängst, mit dem Du besondere Erinnerungen verbindest?

Ganz viele! Gerade auch die Auslandsfotos. Vorn gibt es eins aus Budapest, wo so ein Typ in der Kneipe sitzt. Hinten feiern sie und er sitzt traurig und allein und stippt da seine Asche in den Becher. Das Gesicht von dem Mann finde ich sehr beeindruckend. Oder das Foto aus Assisi, wo der Mönch allein vor der Wand entlangläuft, das ist für mich grafisch wunderschön. Das Kind in der Türkei nachts um zwei Uhr am Mittelmeer, das rannte plötzlich mit einem Hahn durch die Gegend.

Deine wichtigsten Lebensstationen waren bislang…

Zuerst die Zeit, bis ich zur Armee musste. Als ich durch die Gegend trampte und Techniker bei der „Birkholz-Formation“ war. Die anderthalb Jahre bei der Armee waren die schlimmste Zeit meines Lebens. Dann meine Lehrzeit zum Fotografen. Dann mein Umzug nach Berlin. Na ja und dann natürlich diese schlimme Zeit mit der Staatssicherheit. Ab 1988 veränderte sich das dann, da spielten die Kulturzensoren der DDR nicht mehr so richtig mit. Und da hatte ich ganz plötzlich Möglichkeiten, die vorher nicht zu erahnen waren. Da hat der „Sonntag“ Fotos von mir veröffentlicht, ich wurde in den Künstlerverband aufgenommen, ich bekam sogar noch ein Stipendium vom Kulturministerium. Aber der wichtigste Moment war natürlich die Maueröffnung, völlig klar!

Was hat Dich als Mensch, aber auch als Fotograf besonders geprägt?

Neugierde! Und vor allem, mit dieser Neugierde umzugehen. Das ist das Entscheidende, dass ich immer aufgepasst habe, dass aus mir kein Paparazzo wird. Dass ich nicht vergessen habe, dass man als Fotograf die Verpflichtung hat, mit Menschen respektvoll umzugehen.

 

Was sind Deine Motive im Jahr 2014?

Mein Thema ist nach wie vor dasselbe: Mich interessieren Menschen in Räumen und wie sie miteinander kommunizieren oder auch nicht. Das muss so gestaltet sein, dass das Foto eine Geschichte beinhaltet.

Wie „findest“ Du Deine Motive?

Neugierig sein und suchen! Und man muss lange warten. Manchmal ist es auch Intuition. Dass ich merke, da passiert etwas Spannendes… Manchmal fotografiere ich mich auch erst rein ins Motiv. Ich fange an und weiß noch gar nicht, was kommt. Und plötzlich ist es dann im Bild. Wenn ich Workshops mache, sage ich den Menschen auch immer: Reizt es aus! Denn nach dem Fotografieren merken sie dann, wenn sie einen einzigen Schritt nach rechts gegangen wären, dann wäre es ein viel besseres Bild geworden.

Worauf kommt es Dir beim Fotografieren besonders an, was ist Dir wichtig?

Wichtig ist mir, dass ich ein Foto hinkriege, dass ein Außenstehender… Wenn ich früh aufstehe, beginnt ein Film zu laufen. Der läuft den ganzen Tag. Wenn ich dann ein Foto entdecke und es fotografiere, dann halte ich meinen Film für einen kurzen Moment an. Diesen Moment muss ich aber so gestalten, dass ich noch Stückchen davor und ein Stückchen danach mit da rein bekomme, dass ein kleiner Film entsteht. Und dann kann ein Außenstehender seinen eigenen Film erleben, wenn mir das gelingt. Wenn das klappt, hast Du ein gutes Bild gemacht.

Denkst beim Fotografieren an die Wirkung, die Dein Foto beim Betrachter auslösen wird/könnte?

Nein! Überhaupt nicht! Das ist mein reines Kopf- und Bauchgefühl, das da in diesem Moment arbeitet. Das muss auch so sein, wenn man ein guter Fotograf ist. Die Technik muss so in Fleisch und Blut übergegangen sein. Ich weiß, wenn ich diesen Film drin habe und das Objektiv an der Kamera, die Blende und die Belichtungszeit eingestellt sind, dann weiß ich, wie das Foto hinterher aussieht.

Müssen Fotos Botschaften transportieren?

Können!

Mit was für einer Kamera fotografierst Du gerade?

Ich habe drei verschiedene Kameras. Canon und Nikon F1. Und eine kleine Minox. Technik ist nicht so wichtig, aber es muss schon ein gutes Objektiv sein. Die Kamera muss zuverlässig sein. Das Bild macht der Fotograf und nicht die Kamera. Die Kamera ist nur dazwischen.

Rolle von Technik und Material?

Nach wie vor Schwarz-Weiß. Ich brauche mein Adrenalin in der Dunkelkammer.

 

Erfahrung Dunkelkammer – Entwickeln eines Bildes – heute anders als damals?

Ja. Damals hatte ich mich eingeschossen auf ORWO und einen bestimmten Entwickler. Heute gibt es so viele verschiedene Fotopapiersorten, die jedes Mal anders reagieren, und so viel Chemikalien. Jetzt muss ich das jedes Mal ausprobieren. So richtig festgeschossen habe ich mich noch nicht. Ich mach nach wie vor alles selbst. Das Problem ist: Das Material ist wesentlich teurer geworden.

Es gibt zwei Momente für den Fotografen: Das Auslösen und wenn das Foto so langsam im Fixierbad zu erkennen ist…

Es sind drei: In dem Moment, in dem du den Kontaktabzug anguckst. Wenn du rüberguckst, und denkst: Was hast du denn da eigentlich fotografiert. Das ist ein spannendes Handwerk! Ganz einfach! Hinterher, wenn dann so eine Ausstellung wie diese an der Wand hängt, denkst du: Eh Alter, das hast du alles selbst gemacht!

Hat man mit 60 noch Vorbilder?

Ich habe noch nie Vorbilder gehabt! Ich habe mich an verschiedenen Strömungen orientiert. Aber Vorbilder? Nee, das habe ich vermieden, weil man schnell in die Gefahr gerät, kopieren zu wollen.

Stichwort „OSTKREUZ“ – „Agentur der Fotografen“…

Nächstes Jahr werden wir 25! Wir sind jetzt 18 Fotografen, und ich denke, die werden heute alle kommen!

Was hast Du Dir für die nächsten zehn Jahre vorgenommen?

Das Archiv aufarbeiten. Und klar, auch fotografieren. Wenn wir dann nach Madagaskar düsen…

Ein neues Buch?

Noch nicht direkt in Planung. Aber mein neuer Verleger Mark Lehmstedt hat mir gedroht, dass er ja von meinem umfangreichen Archiv wisse. Er könne sich sehr gut vorstellen, dass da ein oder zwei oder gar drei Bücher möglich sind. Und dann arbeite ich noch mit einem Freund an einem Buch über unsere Elbreise.

Die soziale Straßenzeitung strassenfeger feiert in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag. Könntest Du Dir vorstellen, mit Deinen „Ostkreuz“-Kollegen die Themen „Obdachlosigkeit“ und „Armut“ in den Fokus zu nehmen?

Ich habe Obdachlosigkeit und Armut schon mal vor drei, vier Jahren für das Diakonische Werk fotografiert. Ich habe da einiges im Archiv, was ich Euch zur Verfügung stellen könnte. Aber wenn ich wieder unterwegs bin und ich etwas Interessantes sehe…

 

Leben:

Geboren 1954 in Radebeul, absolvierte Harald Hauswald eine Lehre als Fotograf, zog dann 1977 nach (Ost)Berlin und arbeitete u. a. als Telegrammbote, Heizer, Restaurator, Fotolaborant und Fotograf in der Stephanus-Stiftung. 1989 wurde er in den Verband Bildender Künstler der DDR aufgenommen. Seine Ausstellungen waren zu sehen in der DDR, der BRD, den USA, der Schweiz, in Frankreich, Italien und den Niederlanden. Er gründete die renommierte Agentur Ostkreuz mit, verfasste zahlreiche Fotoreportagen und arbeitete an mehreren Büchern. 1997 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt und 2006 mit dem „Einheitspreis – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit“.

 

Info:

Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin
Tel.: 030 / 296 16 84, E-Mail: fotogalerie@kulturring.org
Geöffnet: Di, Mi, Fr, Sa 14.00 bis 18.00 Uhr, Do 10.00 bis 18.00 Uhr

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